AUSTRIA MUNDI


Direkt zum Seiteninhalt

Rudolf Kalvach

Dr.Günther Berger

Fantastisch!
Rudolf Kalvach
Wien und Triest 1900
Leopold Museum 07.06. - 10.09.2012

Rudolf Kalvach wurde am 22.12.1883 wahrscheinlich als zweites von sieben Kindern von Peter Kalvach (aus Reichenau an der Knieschna/Rychnov nad Kneznou bei Königgrätz/Hradec Kralove) und dessen Frau Adelheid Sofie geb. Kigl in Wien geboren. Er spielte Violine, besuchte zwei Jahre das Konservatorium und soll auch vor dem Kaiser gespielt haben. Im Oktober 1900 begann er an der Kunstgewerbeschule des k. k. Österreichischen Museums für Kunst und Industrie in der figuralen Abteilung der Vorbereitungsschule bei Alfred Roller. (Aktzeichnungen, Triester Hafen, Skizzen für "Indische Märchen" und "Orientalischen Märchen" I, II (Themen Rollers.) sowie für Schmuckstücke der Wiener Werkstätte). Nach Absolvierung der Allgemeinen Abteilung der Kunstgewerbeschule setzte er 1903 sein Studium in der Fachschule für Malerei bei Felician von Myrbach fort, der ab März 1904 von Kolo Moser vertreten wurde. 1900 bis 1914 stand in Wien der Farbholzschnitt wegen der seiner Möglichkeit der Einfachheit und Reduktion der technischen Mittel bei gleichzeitiger Erzielung neuer Atonomie des künstlerischen Ausdrucks in Blüte. Neben Emil Orlik (der ihn in Japan studierte), Oskar Kokoschka, Erwin Lang, Moritz Jung, Mileva Roller, Franz von Zülow, Ludwig Heinrich Jungnickel, Franz Karl Delavilla, Rudolf Junk, Gustav Marisch, Hugo Henneberg, Broncia Koller-Pinell, Carl Anton Reichel und Carl Moll befasste sich auch Rudolf Kalvach damit.

1904/1905 diente Rudolf Kalvach als Einjährig-Freiwilliger. 1905 setzte er sein Studium in der Fachschule für Malen und Zeichnen fort, die von Carl Otto Czeschka geleitet wurde.

"Im Oktober (1906) wies ich Koko(schka) einen großen Tisch an - am Fenster: sein Nachbar war Kalvach, der Kroate - der Sohn eines sympat(h)ischen braven Lokomotivführers. Kalvach hatte starke künstlerische Eigenart, recht begabt, auch arm" , schrieb Carl Otto Czeschka am 11. September 1952 an Hans Ankwicz-Kleehoven und setzt hinzu: " Bald machte Koko solche Sachen wie Kalvach".

Rudolf Kalvachs Vater war Lokführer der Südbahn-Gesellschaft und nahm seinen Sohn of mit, zweimal sogar als Gehilfe, wodurch dieser verrußt in die Kunstgewerbeschule kam. Im Dezember 1906 nahm Rudolf Kalvach mit Nora Eixner, Magda Mautner von Markhof, Eduard Josef Wimmer-Wisgrill, Bertold Löffler, Michael Powolny u. a. an der Gruppenausstellung "Die Jungen" in der von Carl Moll geleiteten Galerie Miethke teil. 1907 war Rudolf Kalvach mit Egon Schiele in Triest. 1907 übernahm Bertold Löffler die Fachschule für Malen und Zeichnen der Kunsgewerbe schule. Bertold Löffler erinnert sich noch Jahre später: "in meiner Abteilung war um das Jahr 1907 ein außerordentlich begabter Mensch namens >Rudolf Kalvach>, der prachtvolle Holzschnitte, Darstellungen mit dem Hafenleben Triests machte. Außerdem Malereien auf Holz, schwarzer Grund meist mit Gold, seltsame Fische und Meeresflora...Eine Seenixe besonders schön. Dann eine Serie von Ansichtskarten, Figuren mit Tieren, ähnlich dem uns damals noch unbekannten >Nolde< in Deutschland."

Am 21.04. 1908 heiratete Rudolf Kalvach Marie Klarer in Triest, wo vier Tage später Tochter Olga geboren wurde. Im Juni 1908 schloß Kalvach sein ausgedehntes Studium ab.

Da Kalvachs Familie seit 1901 in Triest lebte, pendelte er zwischen Wien und Triest. Die Darstellung der Werktätigen auf seiner 16teiligen meist handkolorierten Holzschnittserie des Triester Hafens (1907/1908 a 5 Kronen, Druckstöcke im Museum für angewandte Kunst) hatte in der österreichischen Kunst nichts vergleichbares, sondern lässt an russische Künstler wie Ilja Repin denken. In der Kunstgewerbeschule kam es zu praxisbezogenen Arbeiten für Projekte der Professoren und konkreten Kontakten mit Auftraggebern. Für die Wiener Werkstätte entwarf er drei Bilderbögen und (ab Sommer 1907) 21 Postkarten (Kokoschka 16), für die Kunstschau 1908 (wie Kokoschka) ein Plakat. Auf der Kunstschau zeigten Rudolf Kalvach, Oskar Kokoschka, Erwin Lang und Mileva Roller hauptsächlich Farbholzschnitte. Für den Österreichischen Lloyd schuf Rudolf Kalvach zwei Plakate sowie zwei 1908 gedruckte Tarockkartenserien mit Meerjungfrauen bzw, Schiffen. Außerdem entstanden ein Plakat für "Poldihütte", Ex libris, Aquarelle, Schablonen. Zur Perfektionierung der Emailtechnik belegte Kalvach 1909 bis 1912 als Hospitant den Sonderkurs bei Adele von Stark (die 1911 für das Palais Stoclet arbeitete) an der Kunstgewerbeschule. Der am 01.09.1909 in Triest geborene Sohn Enrico starb bereits im ersten Lebensjahr. Rudolf Kalvach stellte auf der ersten Ausstellung der von Egon Schiele (Anton Faistauer, Albert Paris Gütersloh, Anton Kolig, Hans Böhler) 1909 gegründeten "Neukunstgruppe" im Salon Pisko (Dezember 1909 - Jänner 1910) neben 28 Künstlern acht Holzschnitte und auf der zweiten im Klub Deutscher Künstlerinnen in Prag (Jänner - Februar 1910) vier Zeichnungen sowie einen Holzschnitt zum Thema "Hafenbilder" aus. 1910 veröffentlichte die 1893 gegründete englische Kunstzeitschrift "The Studio" einen Artikel über Kalvach samt zwei abgebildeten Holzschnitten mit Hafenszenen. Am 22.12.1910 wurde Tochter Elena in Wien geboren. Emailarbeiten Kalvachs wurden in der Wiener Werkstätte von Josef Franz Hoffmann und Eduard Josef Wimmer-Wisgrill für Dosen, Kassetten sowie Schmuckstücke verwendet. Kalvachs verfließende Farbtechnik wurde später oft nachgeahmt. 1911 entstand sein Porträt von Li Wihen. Im Sommer 1911 unternahm Kalvach eine von der Albert Freiherr von Rothschild' schen Jubiläumsastiftung finanzierte Nordeuropareise (22.07.1911 Ansichtskarte aus Stockholm an die Familie, 02.08.1911 Ansichtskarte aus Helsinki an Alfred Roller).

1912 trat Rudolf Kalvach dem vom Josef Franz Hoffmann gegründeten Werkbund bei. Die allzu kurze Spanne seiner künstlerischen Laufbahn erlaubte nur wenige Gemälde, vor allem nicht solche großen wie "Die Jagd". Im Mai 1912 erkrankte Kalvach an katatoner Schizophrenie und wurde bis 19.09.1915 in die psychiatrische Nervenheilanstalt am Steinhof (heute Sozialmedizinisches Zentrum Baumgartner Höhe Otto Wagner Spital und Pflegezentrum) eingewiesen. Alfred Roller schrieb dem Direktor der Nervenheilanstalt, daß sich in der von diesem geleitete Anstalt ein Patient befindet, " der mir nahe steht als langjähriger Schüler der Kunsgewerbeschule, wie als außergewöhnlich begabter, geradezu genialer Künstler, der er - man muß wohl leider sagen - war." Am 07.12.1912 wurde die Tochter Carlotta in Triest geboren. Die Galerie Miethke zeigt von April bis Mai 1913 Arbeiten von Kalvach, Hilde Exner und Nora von Zumbusch geb. Exner. "Kunst und Kusthandwerk" berichtete über die Ausstellung in der Galerie Miethke und hoffte, daß Kalvach seinen so verheißungsvoll begonnenen Aufstieg nach seiner Genesung fortsetzen könnte. 1916 ist Kalvach als Mitglied des Österreichischen Werkbundes mit Wohnadresse Triest verzeichnet. 16.10.1916 wurde Tochter Eleonora in Triest geboren. 1917 wurde Kalvach in Königgrätz/Hradec Kralove einberufen, jedoch nach drei Tagen wieder entlassen. Im September nahm er an der Österreichischen Kunstausstellung in der Liljevalchs Konsthall in Stockholm teil. Im März 1918 waren 13 Holzschnitte von Kalvach (12 Hafenszenen und "Anbetung") auf der von Egon Schiele organisierten 49. Ausstellung in der Wiener Seccession zusehen. Schiele erwarb zwei kolorierte Holzschnitte: "An Bord" und "Anbetung". Am 28.11.1918 wurde Tochter Maria in Triest geboren. 1920 versuchte Kalvach im Auftrag der Glasmanufakltur Lobmeyer in Stein-Schönau deckende Emailauflagen auf Glas herzustellen. Aufgrund Kalvachs Heimatzuständigkeit in Reichenau wurde er zum tschechoslowakischen Staatsbürger erklärt. Am 18.07.1920 wurde Tochter Margherita in Triest geboren.

Im April 1921 wurde Rudolf Kalvach abermals in die psychiatrische Anstalt am Steinhof eingewiesen und von dort wegen seiner tschechoslowakischen Staatsangehörigkeit 1926 in die psychiatrische Klinik in Kosmonosy (Kosmanos) nordöstlich von Praha (Prag) transferiert. In der Nacht vom 13. /14. März 1932 starb Rudolf Kalvach von der Kunstwelt vergessen an Tuberkolose in Kosmonosy (Kosmanos) und wurde am örtlichen Friedhof begraben.

Anfang der 1970er Jahre machte sich der den Nachlaß verwaltende Enkel Giorgio Uboni mit seiner Frau Ardea auf Spurensuche nach seinem "uns allen unbekanntem Großvater" in Wien, wo jedoch außer Franz Glück und Michael Pabst fast niemand Werke Kalvachs kannte. Prof. Dr. Rudolf Leopold kam dann 1995 nach Triest und wollte eine Ausstellung der Emailarbeiten Kalvachs machen. Nunmehr kontextualisiert das Leopold Museum etwa 250 Arbeiten von Rudolf Kalvach mit 100 von Zeitgenossinnen zu einer ersten umfassenden Retrospektive des allzu kurzfristigen, experementierfreudigen Schaffens.


Prof. Dr. Günther Berger





Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü